Unvollständiges – oder: das Dilemma mit der Kürze der Zeit…

8. Juli 2015

Zeit zum Malen

Es ist ja mein Beruf, regelmäßig mit Farbe und Papier oder Leinwand umzugehen und doch bleibt dazu manchmal weniger Zeit als meine geneigten Leser glauben werden. Natürlich habe ich jeden Tag im weitesten Sinne mit Kunst und Gestaltung zu tun, aber um selbst entspannt an eigenen Werken zu arbeiten, fehlen tatsächlich oft Zeit und Ruhe.

Keukenhof 2015 - Malen im Tulpenparadies (c) Aquarell + Foto: Cordula Kerlikowski

Keukenhof 2015 – Malen im Tulpenparadies (c) Aquarell + Foto: Cordula Kerlikowski

Das Problem

Das sind zum einen administrative Aufgaben, die unbedingt notwendig, aber zeitintensiv sind: Kursvorbereitungen, Materialsichtungen, Termine festlegen und Planungen, z.B. mit der Volkshochschule oder den Späth’schen Baumschulen oder dem Volkspark Pankow, abstimmen, die Entwicklung neuer Konzepte für Kurse oder Projekte, Blogbeiträge, etc.

Da die Durchführung von Kursen und Workshops ein wesentlicher Teil meiner Tätigkeit ist, nimmt auch das viel Zeit in Anspruch. Gleiches gilt für die Präsentation von Techniken und Materialien für verschiedene Hersteller von Künstlermaterial. Hier zeige ich oft Schritt für Schritt die Herangehensweise an beispielsweise die botanische Aquarellmalerei. Dementsprechend bleiben am Ende dann immer ein oder zwei halbfertige Blätter übrig. Meine Aufgabe ist in diesem Fall ja die Begleitung der KursteilnehmerInnen und nicht die Produktion eigener Werke.

Manchmal erzwingen es auch die Umstände, ganz bewusst an einem bestimmten Punkt abzubrechen und die Vollendung der Bilder später in Angriff zu nehmen. Bei meinem zweitägigen Aufenthalt im Keukenhof/Niederlande war die Vielfalt der Blüten atemberaubend. Pro Tag hätte ich möglicherweise ein Blatt fertig „durchgemalt“ – wäre dann aber auch nur mit zwei Bildern nach Hause gefahren. Eine etwas dürftige Ausbeute für  die lange Anfahrt…

Die Folgen

Die Folge einer solchen, gewissermaßen aufgezwungenen, Arbeitsweise sind etliche unvollständige Arbeiten, die vorwurfsvoll auf dem To-Do-Stapel landen. Allein aus der Zeit zwischen März und Mai sind bis heute noch 7 Aquarelle zu beenden:

Das Problem halbfertiger Arbeiten. Aquarelle und Foto (c) Cordula Kerlikowski

Das Problem halbfertiger Arbeiten. Aquarelle und Foto (c) Cordula Kerlikowski

Bekanntermaßen arbeite ich in der Regel nach „lebenden“ Pflanzen – mit Fotos funktioniert das nicht in dieser Präzision. Da die Objekte inzwischen verblüht sind, wird es in der Tat schwieriger und aufwändiger, die Blätter zu beenden. Zudem ist der „Flow“ unterbrochen und die Feinmotorik und die Wahrnehmung von Farben und Nuancen können schon von einem Tag zum anderen ziemlich variieren.

Mit einer Papgeientulpe mühte ich mich nahezu ein halbes Jahr ab. Zunächst habe ich sie mehrfach herausgeholt und dann doch wieder weggelegt bevor ich mich wirklich überwand, die letzten Details auszuarbeiten:

"Tulpe gelb-rot", Aquarell auf Hahnemühle Bütten 300g/m², rau, (c) Cordula Kerlikowski

„Tulpe gelb-rot“, Eine „Jahres“Arbeit… (c) Cordula Kerlikowski

Diese Probleme nehme ich aber gern in Kauf. Es ist mein Anspruch, möglichst detailgetreu zu arbeiten – und wenn es nötig ist, auch in Etappen.

Planung ist die halbe Miete

Vorbereitungen

In diesem Jahr bin ich die neue Blumensaison planvoller angegangen: Die Arbeit mit lebenden Blumen beende ich meist im Herbst – dann ist es auch genug und ich brauche andere Themen und Objekte. Somit beginne ich im Frühjahr dann immer wieder von vorne. Um für die Zeit auf dem Keukenhof gut gerüstet zu sein, begann ich Anfang Februar, wieder Tulpen zu aquarellieren. Natürlich ist das Angebot dann nicht so groß und die unter Glas gezogenen Tulpen einfach nicht so kräftig wie Freilandtulpen, aber mein Blumenhändler hat um diese Zeit sehr schöne französische Tulpen, an denen ich Hände und Sinne wieder auf das Thema einstellen kann.

So konnte ich mich regelrecht „warmmalen“ und das war dann vor Ort auch zu merken: die Vorzeichnung saß, die Arbeit ging gut voran und ich empfand die Situation mehr als entspannte Meditation denn als Arbeit.

Etappenziele

Es ist sinnvoll, auch das Unvollständige zu planen. Ich nahm mir vor, pro Tag drei Bilder soweit voranzubringen, dass ich den Rest dann später aus dem Gedächtnis und der Erfahrung heraus ohne die echte Blüte fertig stellen konnte. Das hat auch super funktioniert. Es waren zwei harte Arbeitstage, aber es hat sich gelohnt. Vom Keukenhof habe ich bis auf die Blumenbeete, vor denen ich saß, nicht sehr viel gesehen – entspanntes Bummeln und Fotografieren oder konzentriertes Arbeiten. Eins geht nur.

Wieder zu Hause, ging es dann mit dem Markt beim „Späth’en Frühling“ schon wieder los, aber hier habe ich die Zeit hinter meinem Marktstand genutzt, die ersten Bilder zu beenden:

(c) Cordula Kerlikowski

„Flaming Springgreen“ (c) Cordula Kerlikowski

Tulpe "Sorbet" Aquarell (c) Cordula Kerlikowski

„Sorbet“(c) Cordula Kerlikowski

 

Schöne Aussichten

Für 2016 werde ich es wieder so handhaben und für den Keukenhof mindestens einen Tag mehr einplanen. Dann kann ich mit einem Rundgang durch die traumhaft schöne Anlage beginnen, mir meine Favoriten notieren, ein wenig fotografieren und die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Gemalt wird dann ab Tag 2!

 

 

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