Ich habe die Blätter des Ginkgo schon auf verschiedene Weise dargestellt: als Radierung, als Tuschezeichnung oder in Mischtechnik. Immer faszinierten mich dabei die schlichten Formen der Blätter.

Ginkgo-Blätter, Foto (c) Cordula Kerlikowski

Ginkgo-Blätter, Foto (c) Cordula Kerlikowski

Da der Baum aber im Herbst seine Blätter abwerfen wird, macht es Sinn, die wichtigsten Details von Blättern und Astansätzen in einer genauen Bleistiftzeichnung zu sichern. Mit so einem Fundus ist es dann möglich, auch ohne das direkte Vorbild neue Arbeiten zu entwickeln. Man zeichnet also nicht von einem Foto oder der Zeichnung ab, sondern baut sich aus der erinnerten Wahrnehmung und den Erfahrungen eigene Zweige und Blattformationen auf.

In einer ersten Zeichnung habe ich mir die Blätter vorgenommen. Zunächst betrachte ich die Formen, Stielansätze und Besonderheiten einzelner Blätter sehr genau und versuche dann Regeln zu erkennen, die mir bei der Ausarbeitung helfen können. Schnell ist z.B. festzustellen, dass die Blätter unterschiedlich tief geschlitzt sind, die Stiele sehr dünn erscheinen und sich auf Grund dessen immer leicht biegen, was dem Ganzen eine gewisse Eleganz verleiht.

In der unten stehenden Zeichnung kam es mir vor allem auf die Form an, die Drehungen und den Schwung der Blätter hebe ich mir für eine spätere größere Zeichnung auf:

"Ginkgo-Blätter", Bleistiftzeichnung auf Skizzenpapier, (c) Cordula Kerlikowski

„Ginkgo-Blätter“, Bleistiftzeichnung auf Skizzenpapier, (c) Cordula Kerlikowski

Die Blätter erscheinen in Büscheln, die aus dicken verholzten Ansätzen herauswachsen. Wichtig war mir ebenfalls, wie die Stiele am Holz des  Zweiges sitzen, auch das habe ich sehr genau aufgenommen. Markant sind die Schlitze in den Blättern und der Übergang vom Stiel zum Blatt. Die Maserung der Blätter ist schlicht und geradlinig.

Zudem habe ich das Holz etwas genauer dargestellt. Die Rinde an den dünnen Zweigen ist relativ glatt, weist ringförmige Strukturen auf und hat gelegentlich kleine Verwachsungen und Knospenansätze.

In einer zweiten Zeichnung konzentrierte ich mich ausschließlich auf einen verholzten Zweig und ließ die Blätter fast völlig außen vor – sie sind nur als dünn angedeutete Linien wahrzunehmen:

"Ginkgo - Zweig", Bleistiftstudie auf Skizzenpapier, (c) Cordula Kerlikowski

„Ginkgo – Zweig“, Bleistiftstudie auf Skizzenpapier, (c) Cordula Kerlikowski

Hier sind die Wuchsform, Verwachsungen und Unebenheiten, aber auch die Ansatzstellen für die Laubblätter gut zu erkennen. Licht und Schatten bewirken Tonwertunterschiede – auch diese habe ich aufgenommen.

Schon aus diesen beiden Studien ist es nun möglich, einen eigenen Zweig zu konstruieren, vielleicht kann ein Foto noch einige Klarheit zu der Anzahl der Blätter in einem Büschel oder über Größenverhältnisse geben, aber abzeichnen muss man es nun nicht mehr.

Probieren Sie es aus! (Es geht auch mit jeder anderen Pflanze, nur ist der Ginkgo in seinen Formen wesentlich schlichter als eine Rose oder ein Ahornzweig…)

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Wie ich schon an anderer Stelle berichtet habe, ziehe ich aus meinem Atelier aus und packe also seit zwei Wochen Kisten und Kartons. Dabei findet sich einiges wieder an, was ich beinahe schon vergessen hätte:

"Vogelfänger" 9 x 10cm auf 20 x 30cm, Bleistiftzeichnung von (c) Cordula Kerlikowski

„Vogelfänger“ 9 x 10cm auf 20 x 30cm, Bleistiftzeichnung von (c) Cordula Kerlikowski

"Hund und Hase" - 9 x 10cm auf 20 x 30cm, Bleistiftzeichnung von (c) Cordula Kerlikowski

„Hund und Hase“ – 9 x 10cm auf 20 x 30cm, Bleistiftzeichnung von (c) Cordula Kerlikowski

Hier habe ich einige Linien gesetzt und dann durch verschieden starke Schraffuren Räumlichkeit erzeugt. Wer genau hinschaut, findet den Vogelfänger und den Vogel, den Hasen und den Hund… Oder?

Das geht auch mit Aquarellflächen oder mit Acrylfarben, letztere dann jedoch im größeren Format, sonst wird es zu fummelig.

Diese Übung eignet sich gut für Bus- oder Zugfahrten, Wartezeiten auf dem Flughafen, im Café oder auf einer Parkbank-Pause. Auf Reisen kann so eine ganze Serie kleinformatiger Arbeiten entstehen!

Die folgende Bleistiftzeichnung habe ich bei einer Messe-Präsentation angefertigt:

"Haselnuss" - 18 x 14 cm, Bleistift auf Zeichenkarton, (c) by Cordula Kerlikowski

„Haselnuss“ – 18 x 14 cm, Bleistift auf Zeichenkarton, (c) by Cordula Kerlikowski

Für solche Anlässe habe ich immer ein kleines Sammelsurium an Objekten dabei, die ich während der Veranstaltung zeichnen oder malen kann. Das veranschaulicht dem Besucher meine Arbeitsweise. Zudem kann ich zeigen, dass das Arbeiten nach einem Objekt leichter ist als nach einem Foto, da die Tonwerte, Licht und Schatten sowie Unregelmäßigkeiten besser zu erkennen und einzuschätzen sind.

Manche Besucher wollen es dann doch nicht glauben, dass die fertige Zeichnung „echt“ ist und fragen tatsächlich, ob es diese Blöcke so zu kaufen gibt!!!! Zum Beispiel Aquarellblöcke – vorgezeichnet mit meinen gezeigten Motiven…

Ein Gast hat es dann doch mit seiner Neugier auf die Spitze getrieben: er hat doch glatt mit seinem Finger auf meiner Signatur herumgerieben – das Ergebnis, nämlich die verschmierte Unterschrift hat ihm dann gezeigt, dass er gerade ein Original „verschandelt“ hat…

Nun gut, damit muss man leben und für mich ist so eine Zeichnung jederzeit wiederholbar. Trotzdem ist es schade und ein wenig respektlos. Also bitte: fragen, um eine Demonstration bitten und sich überzeugen lassen…

Zeichnen kann man eigentlich immer und überall – Ausreden gelten nicht. Gerade für Skizzen ist wenig Zeit erforderlich. Man sollte sich nur nicht von seinem eigenen Anspruch nervös machen lassen.

Eine Skizze ist eine schnelle Zeichnung, die einen vorläufigen, oft groben Eindruck schafft, Gedankenstütze ist und vor allem das Wesentliche erfasst. Und damit muss sie nicht perfekt sein wie eine klassische Zeichnung, die bis ins letzte Detail ausgearbeitet wurde und meist viele Stunden in Anspruch nimmt.

Gestern zeichnete ich eine Akelei in mein Skizzenbuch. Ich mag diese Blume, die in jedem Bauerngarten zu finden ist. Auf holländischen und flämischen Stilleben, aber auch auf Marienbildern ist die Akelei oft zu sehen. Sie hat eine alte religiöse  Symbolik und verweist auf die Dreifaltigkeit, aber auch auf Demut, Melancholie oder die Sorgen der Jungfrau Maria.

Hier einige Details:

"Akelei" - Blick ins Skizzenbuch, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

„Akelei“ – Blick ins Skizzenbuch, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

Ich benutzte nur einen Bleistift der Marke Koh-i-Noor, Stärke 2B. Mehr war gerade nicht zur Hand, doch reichte der Stift, um die verschiedenen Tonwerte durch variablen Druck beim Zeichnen darzustellen.

"Akelei" - Detail Blüte,, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

„Akelei“ – Detail Blüte, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

Wichtig ist es, die Tiefe des Blütenkelches gut zu erfassen und auch die Samenstände angemessen abzubilden.

In der folgenden Detailaufnahme ist eine Knospe zu sehen, die durch ihre „Häkchen“ schon etwas schwieriger zu sein scheint, aber auch das ist zu schaffen:

"Akelei" - Detail Knospe, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

„Akelei“ – Detail Knospe, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

Auch die Stiele und die kleinen anliegenden Blättchen sollten sorgfältig ausgearbeitet werden:

"Akelei" - Detail Stiele, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

„Akelei“ – Detail Stiele, Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

Licht und Schatten, kleine Verwachsungen und Unregelmäßigkeiten – das alles kann mit aufgenommen werden und macht die Blüte realistisch und lebendig.

Und so sieht meine Bleistiftzeichnung am Ende aus:

"Akelei" - Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

„Akelei“ – Bleistiftzeichnung, (c) by Cordula Kerlikowski

Ich habe für diese Zeichnung nicht mehr als 40 Minuten gebraucht. Aber ein ungeübter Zeichner sollte in ca. einer Stunde auch schon eine gute Zeichnung schaffen – das ist machbar!

Diese Zeichnung kann nun Ausgangspunkt für weitere Arbeiten werden: für Farbstiftzeichnungen, eine Aquarellstudie oder freie Arbeiten mit Tusche, Tinte, Gouache oder Acrylfarbe. Also ans Werk!

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