Von meinem Wohnzimmerfenster aus sehe ich zwei riesige Kastanienbäume, deren glänzende Früchten zur Zeit auf dem Rasen reichlich zu finden sind. Es ist spannend, die verschiedenen Reifestufen der Kastanien zu betrachten. Sowohl die stacheligen Kugeln als auch die braunen Früchte selbst sind interessant und vielfältig. Es gibt keine zwei Objekte, die identisch sind.

Diese Formen möglichst naturgetreu nachzuempfinden ist nicht ganz einfach. Sowohl die glänzende Oberfläche der Kastanien als auch die weichen, manchmal schon bräunlich verfärbten Stacheln der Hülle oder die vertrocknenden Blätter sind eine Herausforderung. Hier kommt alles zur Anwendung, was die Aquarellmalerei ausmacht: Nass-in-Nass-Technik, Lasurmalerei, Lavieren, Nass-auf-Trocken, die Details dann mit einem ganz dünnen Pinsel trocken auf die trockene Malfläche:

"Kastanien" - Zwischenergebnis, 25 x 25cm, Aquarell auf Bütten

„Kastanien“ – Zwischenergebnis, 25 x 25cm, Aquarell auf Bütten

Zunächst beginne ich mit den verholzten Stielen. Hier kann ich noch mit den Farben experimentieren ohne dass Korrekturen auffallen – bei den hellen Stachelkugeln ist das nicht mehr so frei möglich, da hier die Farben heller und zu dunkle Bereiche kaum noch aufzuhellen sind. Die in den Zweigen verwendeten Farben nutze ich auch für die braune Oberfläche der Kastanien. Blätter und Fruchtschalen lege ich zuerst mit leichten, sehr hellen Lasuren an.

Lasuren sind der Schlüssel zu perfekten Ergebnis. Es macht sehr viel Arbeit, eine Schicht auf die andere zu legen. Immer wieder warten, bis die Fläche gut durchgetrocknet ist… Um die Wartezeit konstruktiv zu nutzen, arbeite ich nach und nach in anderen Bildbereichen erste Details heraus.

Da ich hier eher eine botanische Studie ausarbeite, verzichte ich bewußt auf einen Hintergrund und Schatten auf Tischflächen etc.

Wichtig sind mir die Details der Pflanzenteile. Nach etlichen Stunden Arbeit wird dieses Ergebnis sichtbar:

"Kastanien" - Aquarell auf Bütten, 25 x 25cm, (c) Cordula Kerlikowski

„Kastanien“ – Aquarell auf Bütten, 25 x 25cm, (c) Cordula Kerlikowski

Dann nehme ich mir noch etwas Zeit, um das Bild zu überprüfen, kleine Unregelmäßigkeiten zu verbessern oder Details zu vertiefen. Jedoch ist es wichtig rechtzeitig aufzuhören. Irgendwann kommt der Moment, in dem man Gefahr läuft, die Arbeit zu verderben… Also Vorsicht!

Hier noch ein Detail:

"Kastanien" - Detail, Aquarell auf Bütten, (c) Cordula Kerlikowski

„Kastanien“ – Detail, Aquarell auf Bütten, (c) Cordula Kerlikowski

Im nächsten Frühling werde ich auf einem großen Bogen Aquarellpapier eine Studie beginnen, die im Laufe des Jahres alle Entwicklungsstufen eines Kastanienbaumes aufnimmt: Laubknospen, Blütenstand (siehe meine Goauche-Studie), Fruchtansatz, ausgewachsene Stachelkugeln, reife Früchte… Darauf bin ich schon gespannt!

Am vergangenen Samstag war ich in Dresden und habe beim Gerstaecker Künstlerfachmarkt zum „Tag der offenen Tür“ die Goauchemalerei vorgestellt, die im Zuge der Acrylmalerei fast in Vergessenheit geraten ist.

Die Farben sind deckend bis teildeckend, können aber auch in gewissem Grade lasierend verwendet werden, wobei hier durchaus ein gewisser Unterschied zum Lasureindruck eines Aquarells besteht. Sie bleiben nach dem Trocknen wasserlöslich und können auch mit hellen Farben übermalt werden. Kompakt verwendet, wirkt ein Gouachebild wie eine Acrylmalerei – nur die Oberfläche ist matt statt seidenmatt bis glänzend. So sehe ich die Gouachemalerei als eine Technik an, die sich in der Verwendung zwischen Aquarell- und Acrylmalerei einordnet.

Hier die Studie einer Kastanienblüte, die ich während der Veranstaltung gemalt habe:

"Kastanienblüte" (Studie) - Gouache auf Andalucia-Aquarellpapier, 36 x 48 cm, (c) by Cordula Kerlikowski

"Kastanienblüte" (Studie) - Gouache auf Andalucia-Aquarellpapier, 36 x 48 cm, (c) by Cordula Kerlikowski

Ich habe sie bewußt sehr zart ausgearbeitet um zu zeigen, dass auch ein aquarellartiger Eindruck erreichbar ist. Möglicherweise überarbeite ich die Blätter noch mit einem kräftigeren Grün und mehr Details, denn eigentlich sind sie sehr stark strukturiert und haben gezackte Ränder. Da kämpfen dieses Mal tatsächlich zwei Seelen in mir…:

Die Perfektionistin sagt: „Weitermachen bis alles stimmt“, die Spontane sagt: „Sofort anhalten!“. Nun, mal sehen, wer diesmal gewinnt…

PS:

Kleiner Tipp: die Gouachemalerei eignet sich bestens für Entwürfe für Acrylbilder, da der Gesamteindruck einem Acrylbild sehr nahe kommt. Ich verwendete sie mehrfach, um damit Entwürfe für Zeitschriftenartikel anzufertigen.

Viel Spaß beim Ausprobieren und Wiederentdecken !!!

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